Ein Kommentar zur Sylter Ferienwohnungsdebatte.
Der Streit um Ferienwohnungen und Dauerwohnraum auf Sylt hat sein Thema verlassen. In offenen Briefen fragen die Sylter Unternehmer und die Initiative „Merret reicht’s“ einander inzwischen vor allem eines: Wer bist du überhaupt, dass du sprichst? Über Betten, Keller und Bebauungspläne redet kaum noch jemand.
Festzuhalten ist, was zutrifft: Der Unternehmerverband tritt mit offenem Visier an – 630 Mitgliedsbetriebe, ein gewählter, namentlich bekannter Vorstand, rechenschaftspflichtig auf Jahreshauptversammlungen. Ole König steht mit seinem Namen im Wind und bekommt entsprechend Gegenwind ins Gesicht. Das kann man kritisieren, aber man weiß, wen. Bei „Merret reicht’s“ bleibt dagegen offen, wer die Texte verfasst, wer die Positionen beschließt und wen die Initiative über die bekannten Köpfe hinaus vertritt. Wer so kräftig austeilt, muss diese Fragen beantworten.
Aus berechtigten Fragen folgt allerdings kein Alleinvertretungsanspruch. Gemessen an allen Menschen, die auf der Insel gemeldet sind und hier tatsächlich leben, sind auch 630 Betriebe eine Minderheit – je nach Schätzung ein einstelliger Prozentsatz. „Wir Sylter“ sind weder die Unternehmer noch die Initiative. In einer Demokratie braucht niemand eine Legitimation, um sich zu äußern. Wer aber beansprucht, für andere zu sprechen, sollte offenlegen, wer dieses „wir“ ist. Daran scheitern derzeit beide Seiten.
Auch inhaltlich stehen sich zwei brüchige Rechnungen gegenüber. „Weniger Betten bedeutet den Untergang der Insel“ ist bislang eine Behauptung: Die Stilllegungen bewegen sich im Promillebereich, der Rückgang der Steuereinnahmen hängt erkennbar auch am abgekühlten Immobilienmarkt – und die angekündigten Gutachten fehlen bis heute. Genauso wacklig ist die Gegenthese, weniger Ferienwohnungen ergäben automatisch mehr Dauerwohnraum. Eine Ferienwohnung, die unter ganz anderen Ertragsannahmen gekauft und finanziert wurde, trägt sich mit einer Dauermiete nicht. Gestrichene Ferienwohnungen erzeugen zunächst leere Ferienwohnungen – Wohnraum für Pflegekräfte, Lehrer oder Saisonkräfte entsteht so noch nicht.
Was bleibt, ist Whataboutism: Die einen zeigen auf Millionenvermögen im Umfeld der Initiative, die anderen auf das Geschäftsmodell des Unternehmerchefs – als entschiede die Herkunft eines Arguments über seine Richtigkeit. Und wer am Ast sägt, auf dem er sitzt, beweist entweder Mut oder hat sein Schäfchen längst im Trockenen. Diese Lesart steht, je nach Standpunkt, für beide Lager im Raum.
Entschieden wird ohnehin in den gewählten Gremien – als Nächstes am 13. Juli, wenn der Bauausschuss im Westerländer Rathaus ab 19 Uhr öffentlich tagt. Dort sitzt das einzige „wir“, das für alle sprechen darf. Bis dahin wäre beiden Seiten zu wünschen: weniger „wir“, mehr „ich“. Ich heiße so, ich will das, es kostet dies, bezahlen würde es der. Alles andere ist Rhetorik – und davon hatte dieser Sylter Sommer genug.
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